Bürgerspital feiert ersten Geburtstag

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Gesundheitsversorgung: Weitere Säulen sollen das Krankenhaus für die Zukunft stärken – Seit 7. Januar 2025 wieder geöffnet

WERTHEIM. Alexander Gläser und Birgitta Lahode, die Geschäftsführer des Wertheimer Bürgerspitals, blicken auf ein intensives erstes Jahr zurück. Im Gespräch mit unserem Medienhaus betonen beide mehrfach den großen Beitrag der Mitarbeiter und Beteiligten zur Wiedereröffnung des Krankenhauses in Wertheim. Es seien Tausende Stunden an Arbeit investiert und oft rund um die Uhr daran gearbeitet worden, das aufzubauen, was man jetzt habe, sagt Alexander Gläser. »Es ist nicht zu unterschätzen, was das auch unseren Mitarbeitern abgefordert hat.« Und doch bleibt für 2026 noch reichlich Arbeit übrig.

Überregionale Beachtung

Gläser und seine Kollegen haben etwas angepackt, was in heutigen Zeiten kaum noch vorkommt: ein Krankenhaus weitgehend neu aufzubauen. Das erfuhr 2025 nicht nur in der Region Beachtung: Das ARD-Morgenmagazin berichtete Ende August live aus der Notaufnahme, im November wurde Wertheim für die Krankenhausrettung als »Innovationsort des Jahres 2025« ausgezeichnet. Mittlerweile hat die Spendensumme, die die Notfallversorgung unterstützen soll, die Millionengrenze überschritten.

Konzept des Bürgerspitals ist es, eine Grund- und Regelversorgung und die Notfallversorgung bereitzustellen und diese unter anderem dadurch zu finanzieren, dass man durch Adipositasbehandlungen der Firma Weight Doctors Auslastung und Einnahmen generiert. Lässt sich so die Notfallversorgung nicht ausreichend finanzieren, gleicht die Stadt Wertheim auftretende Defizite mit bis zu 2,75 Millionen Euro jährlich aus. Alle Risiken darüber hinaus müssen das Bürgerspital und dessen Gesellschafter tragen.

Zahlen vor Vervierfachung

Doch wie läuft das Geschäft der Weight Doctors zur Behandlung von schwer übergewichtigen Patientinnen und Patienten seit dem Start? »Die Tendenz ist steigend. Wir haben klein begonnen, aber bis Jahresende bei bariatrischen Eingriffen stark aufgeholt«, sagt Birgitta Lahode, gemeinsam mit Alexander Gläser Geschäftsführerin des Bürgerspitals. Neben privat finanzierten Eingriffen wurden mittlerweile etwa 60 Operationen über die gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet.

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Haben ein intensives erstes Jahr hinter sich: Die Geschäftsführer Birgitta Lahode (links) und Alexander Gläser.

»Mit dem Volumen qualifiziert man sich schon, um ein zertifiziertes Adipositaszentrum zu werden«, erklärt Alexander Gläser. Die Zertifizierung sei bereits beantragt. Gläser spricht von einer »großartigen Leistung«, denn bariatrische OPs als Kassenleistung könne man nicht einfach so durchführen: »Patienten müssen ein Programm durchlaufen, an dessen Ende dann die OP steht.« Das bedeute einen Verzug von rund sieben Monaten.

Da man erst Anfang 2025 den Betrieb hochgefahren habe, hätten die ersten Eingriffe auch erst nach den Sommerferien losgehen können. »Dass unser Team das so gut beherrscht, zeigen die Zahlen für die nächsten Monate. Dass wir unser Volumen 2026 fast vervierfachen werden, können wir jetzt schon sagen.«

Und das sei nur der gesetzliche Teil. Denn insgesamt habe man 2025 rund 400 Eingriffe der Weight Doctors stationär und ambulant durchgeführt. Dabei kommen Patienten aus ganz Deutschland, aber auch zunehmend aus der Region. »Das dauert und ist in der Nische mühsam, aber es läuft genau so, wie wir das erwartet haben«, sagt Alexander Gläser. »Wir sind da voll im Soll oder sogar darüber.«

Viel örtlicher Zuspruch

Über den örtlichen Zuspruch freut sich auch Lahode. »Das ist wirklich ganz erstaunlich. Denn diese Leute wären wohl nicht an unsere anderen Standorte gekommen«, erklärt sie und blickt zurück: Kurz nachdem sie das Unternehmen gegründet hatten, kam die Corona-Pandemie. »Da ging die Beratung in den digitalen Bereich. Heute wollen die Patienten vermehrt persönliche Beratung. Für den Standort Wertheim haben wir rund 80 Prozent persönliche Beratung. Die Leute kommen hier wirklich ins Krankenhaus.«

Und dort lernten sie auch die anderen Angebote des Bürgerspitals kennen, die sie möglicherweise zu einem anderen Zeitpunkt in Anspruch nehmen müssten – zum Beispiel in der Grund- und Regelversorgung oder der Notfallversorgung. »Da ist das Geschäft der Weight Doctors quasi eine Art Schaufenster für die Patienten und ihre Familien«, sagt Gläser.

Zwei weitere Säulen

Während des Aufbaus des Bürgerspitals habe man allerdings auch eine Überraschung erlebt und sich neben den Weight Doctors zwei weitere wirtschaftliche Säulen aufbauen können, sagt Gläser. Zum einen sei das die Wirbelsäulenchirurgie, zum anderen elektivmedizinische Orthopädie und Unfallchirurgie. »Wir haben jetzt den vierten Orthopäden, der bei uns starten will. Und wir haben vier Wirbelsäulenchirurgen, die elektivmedizinisch für uns arbeiten – auf einem Niveau, dass uns auch überregional Patienten bringt.«

Ziel sei, eine akute Unfallchirurgie innerhalb der nächsten Wochen an den Start zu bringen. »Das komplettiert das, was die Grund- und Regelversorgung insgesamt ausmacht. Ansonsten sind wir mit unserem Programm praktisch durch.«

Was noch fehlt, ist vor allem ein 24-Stunden-Betrieb der Notaufnahme, der Voraussetzung für die Aufnahme des Bürgerspitals in den Landeskrankenhausplan und auch für die finanzielle Unterstützung des Landkreises ist. Doch die Personallage ist noch nicht ausreichend für einen nachhaltigen Betrieb. Er würde sich auch wünschen, dass es schneller geht, gibt Gläser zu verstehen. »Wir sind bestrebt, das so schnell wie möglich hinzubekommen«, sagt Gläser. »Aber wir wollen das nicht auf dem Rücken der Mitarbeiter austragen.«

5000 Notfälle behandelt

Schon jetzt habe man rund 5000 Patienten notfallmäßig ambulant oder stationär behandelt, zuletzt die Öffnungszeiten Anfang Dezember auf zwölf Stunden täglich zwischen 8 und 20 Uhr ausgeweitet. »Und in dieser Zeit treten rund 90 Prozent aller Notfälle auf«, sagt Gläser, der warnt, dass eine eingeschränkte finanzielle Unterstützung es unmöglich machen würde, schnell zu einem Rund-um-die-Uhr-Betrieb zu kommen.

Dass der Landkreis wegen des noch nicht vollständigen Betriebs der Notfallversorgung zu Jahresbeginn von seiner finanziellen Unterstützung abweicht, glaubt Gläser nicht. Er habe im Kontakt mit Landrat Schauder immer den Eindruck gehabt, dass der ein realistisches Bild davon habe, in welcher Zeit man solche klinischen Kapazitäten aufbauen könnte, gibt Gläser zu verstehen.

Die Rückmeldung des Landkreises auf eine Anfrage unserer Redaktion lässt zumindest Interpretationsspielraum: »Die Beschlusslage ist klar: Die vertraglichen Grundlagen zwischen der Stadt Wertheim und dem Krankenhausbetreiber, welche wiederum – in dieser durch das Regierungspräsidium Stuttgart genehmigten Form – die Grundlage für die freiwillige Unterstützung des Landkreises bilden, setzen eine 24/7 Notfallversorgung voraus. Nach unserem Kenntnisstand arbeitet der Krankenhausbetreiber an einer entsprechenden Umsetzung«, sagt eine Sprecherin.

Vor dem Zeitplan

Grundsätzlich sei man mit dem, was man bisher erreicht habe, »überaus glücklich«, sagt Gläser auf Nachfrage. Trotzdem sei man noch nicht am Ziel. »Wir kämpfen jeden Tag mit einer Unrast, weil natürlich jeder gern das abschließende Ereignis hören und spüren will: Mit 24-Stunden-Notfallversorgung, Vollauslastung des Hauses und Komplettaufstellung unserer medizinischen Spezialisierungen.« So weit sei man noch nicht. Doch wenn man in den kommenden zwölf Monaten genauso konzentriert weiterarbeite wie bisher »dann haben wir es auch frühzeitiger geschafft, als wir uns das ursprünglich mit unserem Drei-Jahres-Plan vorgestellt haben«.

Im bisherigen Neuaufbau habe man sowohl positive als auch negative Überraschungen erlebt. Man habe mittlerweile Mindestmengen bei Knie- und Hüft-OPs erreicht und wolle 2026 einen endoprothetischen Schwerpunkt darauf legen. In der Abteilung für Innere Medizin wolle man Fachärzte präsentieren, »die für die Identität der gesamten Region stehen«. Das habe man hinbekommen, aber nicht so schnell wie gewünscht. Doch nun komme im Januar ein weiterer Facharzt dazu und mit drei Fachärzten für Gastroenterologie und insgesamt sechs Fachärzten für Innere Medizin sei man so gut aufgestellt, »wie es das Wertheimer Krankenhaus noch nie gesehen hat«.

Leistungsgruppen beantragt

Erheblicher Aufwand wird auch betrieben, um das Bürgerspital auf die künftigen Anforderungen der Krankenhausreform auszurichten, deren Auswirkungen ab 2028 zum Tragen kommen. Im Herbst habe man die künftigen Leistungsgruppen für die medizinische Spezialisierung beim Landesgesundheitsministerium beantragt und schon erste Rückmeldung erhalten. »Grundsätzlich sind unsere Wünsche akzeptiert worden, nun kommt die konkrete, intensive Prüfung dazu.«

Ins Detail will Gläser noch nicht gehen, doch die Spezialisierungen der Weight Doctors würden wohl auch künftig am Bürgerspital ihren Platz haben – genau wie viele Fachkenntnisse des Teams um die neu geholte, renommierte Chefärztin Barbara John. Auch in Chirurgie und Orthopädie werde es Spezialisierungen geben. »Und das sind gute Nachrichten, weil damit das Krankenhaus neue Spezialisierungen öffnen kann, die es vorher so noch nicht gab.«

Synergien eingetreten

Mit den Partnern Mediclin und dem Nierenzentrum seien die erhofften Synergien eingetreten, sagt Gläser: Etliche Reha-Patienten könnte Mediclin gar nicht behandeln, ohne das Krankenhaus direkt an seiner Seite zu haben. »Das ist ein beispielhaftes Element, sehr gut funktionierender Synergien.« Ähnliches gelte für das Nierenzentrum. »Dadurch, dass unsere Intensivabteilung rund um die Uhr läuft, sind wir für die Praxis ein sehr großes Rückgrat geworden, auf dessen Präsenz man sich verlassen kann.«

Gläser spricht außerdem von einer »exzellenten Zusammenarbeit mit unseren niedergelassenen Ärzten«. Im Vorfeld sei es ein Riesenthema gewesen, ob es nach den Erfahrungen der Vergangenheit einen Schulterschluss zwischen Hausärzten und dem Krankenhaus gebe. »Es gibt praktisch keinen niedergelassenen Facharzt, keine niedergelassene Praxis mehr, die uns nicht Patienten zuweisen«, sagt Gläser. Man sei weiter bemüht, mit Besuchen bei den niedergelassenen Ärzten die Möglichkeiten des Hauses vorzustellen, »und Anknüpfungspunkte in die jeweiligen Abteilungen direkt zu schaffen«.

Zahlen zeigen Bedarf

Die letzten Monate hätten gezeigt, dass der Bedarf nach dem Krankenhaus keine Träumerei, sondern medizinische Notwendigkeit sei. »Dass die Menschen das Haus brauchen, es annehmen und aufgrund ihrer Erfahrung auch weiterempfehlen, erlebe ich in einer Vielzahl von Gesprächen.« Dass das kein reines Werbesprech ist, zeigen auch Leserbriefe in unserer Zeitung sowie wohlwollende Online-Rezensionen. Übrigens nicht nur für das Bürgerspital, sondern auch für die ebenfalls neue Mediclin-Reha. So soll es nach Gläsers Geschmack 2026 weitergehen: »Ich glaube, dass wir mit unserem erweiterten Spektrum alle überzeugen werden, dass es eine gute Idee war, in das Krankenhaus gemeinsam zu investieren.«


Hintergrund: Weitere Umbauten im Krankenhausgebäude

Ein Jahr nach dem Start laufen weiter Umbauarbeiten im Wertheimer Krankenhausgebäude auf dem Reinhardshof. Sie betreffen vor allem das Angebot von Reha-Betreiber Mediclin. Besitzer des Gebäudes ist die Stadt Wertheim über ihre Stadtentwicklungsgesellschaft. Deren Geschäftsführer Thomas Müller informierte jüngst im Aufsichtsrat, dass die Umbauarbeiten im Erd- und ersten Obergeschoss kurz vor der Vollendung stehen und voraussichtlich ab 1. Februar durch Mediclin belegt werden können. Durch Schaffung von neun weiteren Doppelzimmern steigt die Kapazität der neurologischen Rehaklinik auf 88 Betten. Außerdem soll eine neue Besitzgesellschaft »Krankenhaus Wertheim mbH« rückwirkend zum 1. Januar 2026 gegründet werden, auf die das Gebäude übergehen wird, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadtverwaltung. (scm)

Quelle: Von unserem Redakteur Matthias Schätte, Zeitung Wertheim vom 7.01.2026 auf Seite 15

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