Medizinische Versorgung: Mietverträge für Bürgerspital, Rehaklinik und Dialysezentrum unterzeichnet – Testbetrieb startet im Dezember
WERTHEIM-REINHARDSHOF. Nächster wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Rückkehr der Notfallversorgung in Wertheim: Die Stadtverwaltung und künftige Partner haben am Montagmorgen Miet- und Überlassungsverträge unterzeichnet, um nicht nur ein Bürgerspital in Betrieb zu nehmen, sondern auch eine Neuro-Reha zu etablieren und das Dialysezentrum zu erhalten.
Während draußen Arbeiter vom Gerüst aus mit Hochdruckreinigern die schmutzige Fassade zur anstehenden Sanierung reinigen, brandet im Nebenraum der Cafeteria der ehemaligen Rotkreuzklinik um 10.44 Uhr Applaus auf: Gerade haben Wertheims Oberbürgermeister Markus Herrera Torrez, Bürgerspital-Geschäftsführer Alexander Gläser, die Mediclin-Vertreter Thomas Piefke und André Schabacker sowie Frank Breunig vom Nierenzentrum Wertheim ihre Unterschriften unter mehrere Miet- und Überlassungsverträge gesetzt.
OB: »Fast am Ziel«
Diese ermöglichen es nun, unter anderem wieder ein Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung mit Notaufnahme und Schlaganfalleinheit aus der Taufe zu heben. »Gemeinsam sind wir damit fast am Ziel, wieder ein voll funktionsfähiges Krankenhaus am Standort Wertheim für die gesamte Region zu haben«, schreibt Herrera Torrez später in den sozialen Medien. Denn die Stadt hat das Gebäude gekauft und das Regierungspräsidium das medizinische Konzept genehmigt.
Doch die Aufsichtsbehörde hat bisher den städtischen Haushalt nicht für genehmigungsfähig gehalten, weil die Stadt für den Betrieb der Notaufnahme einen umfangreichen Defizitausgleich von jährlich bis zu 2,75 Millionen Euro zugesagt hat – was zusammen mit anderen Verpflichtungen ein tiefes Loch in die Kasse reißt. Unter anderem der Landkreis soll sich beteiligen, der Kreistag hat grundsätzlich seine Unterstützung signalisiert – aber keinen konkreten Betrag genannt.
Aufbruchstimmung
Herrera Torrez blickt zurück auf den Niedergang und das Ringen um das Krankenhaus, Zehntausende Unterschriften, Bürgerproteste und mehrere Demonstrationen für die Rettung – zunächst vergeblich. »Man musste davon ausgehen, dass das Kapitel Krankenhaus in Wertheim erledigt ist.« Doch die Bevölkerung habe den politisch Verantwortlichen einen klaren Auftrag gegeben, Gebäudekauf und die Ausgleichs- und Betrauungs-Vereinbarung für das Bürgerspital folgten. »Heute gehen wir den nächsten Schritt mit der Unterzeichnung der Miet- und Inventarüberlassungsverträge.«
Man wolle nun »sobald wie möglich ein voll ausgelastetes Krankenhausgebäude« haben und sei dankbar für das Engagement der Partner. »Wenn alle ihre Arbeit begonnen haben, wird das Gebäude in einer Weise ausgelastet sein, wie es das in der Vergangenheit nie gewesen ist.« Man gehe »mutig und tatkräftig voran« und setze darauf, »dass andere diesen Mut ebenfalls haben und uns dabei unterstützen«, sagt er in Richtung Landkreis, Regierungspräsidium und auch Nachbarkommunen.
Anders als andere
»Wir sind stolz darauf, diesen Meilenstein begehen zu können«, sagt Bürgerspital-Geschäftsführer Alexander Gläser. Man wolle das Krankenhaus wieder zu dem machen, was es in der Vergangenheit gewesen sei – oder noch besser. Dabei helfen die Kenntnisse von mehr als 200 Mitarbeitern, von denen um die 90 Prozent ehemalige Wertheimer Klinik-Beschäftigte sind. »Das Krankenhaus muss direkter werden und verstehen, was die Menschen hier umtreibt und welche Aufgabe es als Gesundheitsdienstleister hat.«
Man erhebe nicht den Anspruch, »alles zu können oder alles besser zu können«, sondern wolle Patienten die beste Behandlung von den jeweiligen Fachleuten bieten – unabhängig davon, ob das nun das Krankenhaus oder niedergelassene Ärzte in der Stadt sind. Ohnehin will Gläser einiges anders machen, man sei schon in den vergangenen Monaten »schrankenlos« aufeinander zugegangen: »Als wir zum ersten Mal den Austausch miteinander hatten, wussten wir beide nicht so richtig, ob wir das ernst meinen.« Doch in vielen Gesprächen hätte sich das jetzige Konzept immer mehr herauskristallisiert.
»Näher zu sein, wärmer zu sein, herzlicher zu sein – für all jene, die Hilfe, Fürsorge und Pflege bedürfen«, nennt Gläser einen weiteren Anspruch. Und das würden die Wertheimer künftig merken, denn genau die, die schon in der Vergangenheit das Krankenhaus geprägt und Seite an Seite mit den Bürgern für dessen Erhalt demonstriert hätten, würden nun der »verlängerte Arm der Bevölkerung in unseren Teams« sein. Auch Gläser geht davon aus, dass es bald grünes Licht von der Rechtsaufsicht geben werde.
Synergien nutzen
»Uns ist wichtig, dass wir eine gute Integration hier haben mit unseren gegenseitigen Spezialisierungen«, sagt Mediclin-Vorstand Thomas Piefke. In der neurologischen Reha-Klinik des Unternehmens soll es künftig 88 Betten geben, um Patienten nach Schlaganfällen, Schädel-Hirn-Traumata, Rückenmarksverletzungen, aber auch mit Erkrankungen wie Parkinson oder Multipler Sklerose behandeln zu können. »Gerade bei der neurologischen Rehabilitation ist besonders wichtig, dass es eine wohnortnahe Versorgung gibt«, so Piefke. Menschen würden mitten aus dem Leben gerissen und seien plötzlich zunächst ans Bett gefesselt oder auf den Rollstuhl angewiesen. »Der Bedarf ist riesig. Und dieses Angebot gab es hier in der Region noch nie.« Ab 1. Januar wolle man schrittweise starten. »Für den Endausbau reicht das Personal noch nicht, aber für den Start.« Es gebe freie Stellen bei Pflegekräften, Ärzten und Therapeuten.
»Wir sind sehr froh, dass wir bleiben können und freuen uns über die Kooperationen«, sagt Frank Breunig, einer der Betreiber des Dialysezentrums und schon seit 2019 im Krankenhausgebäude. »Mit der Nachricht der Insolvenz der Rotkreuzklinik und allen weiteren Folgen ist für uns eine bedrohliche Situation entstanden«, so Breunig. »Wir sind sehr froh, dass hier nun ein glückliches Ende erreicht worden ist.«
Hintergrund: Zeitplan für die Inbetriebnahme des Bürgerspitals
Ein Krankenhaus kann nicht aus dem Nichts in den Vollbetrieb starten, deshalb gibt es beim Bürgerspital und seinen Partnern ein schrittweises Hochfahren: Beim Bürgerspital soll im Dezember laut Geschäftsführer Alexander Gläser der Testbetrieb beginnen, ab Januar könne man dann in Abstimmung mit den Kostenträgern auch Kassenleistungen anbieten. Beim Personal sei man für den Betriebsstart fast komplett, so Gläser.
Auch Mediclin startet mit seiner neurologischen Rehabilitation stufenweise ab Januar, erklärt Mediclin-Vorstand Thomas Piefke. Bis man beim Vollbetrieb der 88 Betten sei, könne es einige Zeit dauern. Im Endausbau will Mediclin am Standort etwa 100 Mitarbeiter beschäftigen, man freue sich über weitere Bewerbungen, erklärt Piefke. Schon ab Anfang Dezember soll die von Mediclin betriebene Küche und Cafeteria starten – auch als Symbol nach außen. Sie kann nicht nur das Krankenhaus beliefern, sondern auch externe Kunden wie Seniorenheime, Pflegedienste und Schulen versorgen.
Wie gehabt fortgeführt wird das Dialysezentrum der Ärzte Frank Breunig und Stefan Seibold, das in Wertheim und Tauberbischofsheim um die 120 Patienten versorgt. Breunig erhofft sich mit den künftigen Partnern im Gebäude neue Synergien.
Quelle: Zeitung – WERTHEIM DIENSTAG, 19. NOVEMBER 2024 15


